Die Tropen - Ansichten von der Mitte der Weltkugel StartseiteDie Tropen - Ansichten von der Mitte der Weltkugel
Die Tropen TropenVormoderne KunstZeitgenössische KunstMerkmale der TropenkunstDie Tropen in der LiteraturWeitere Informationen
Die Tropen in der Literatur
Viele Literaten schrieben, besonders ab der Ära der Romantik, über die fremdartigen und exotischen Tropen. Aus ihren Büchern dampft die Sehnsucht und die Angst vor den mysteriösen Menschen, Tieren und Wäldern zwischen den Wendekreisen.
Kannibalen
Montaigne auf einem zeitgenössischen Gemälde eines unbekannten Malers
Montaigne auf einem zeitgenössischen Gemälde
eines unbekannten Malers - © gemeinfrei
„Sie sind auf dieselbe Weise wild, wie wir die Früchte der Natur als wild bezeichnen, die diese aus sich selbst heraus auf natürliche Weise entstehen lässt; doch sollten wir vielmehr jene wild nennen, deren Natur wir auf künstliche Weise verändert und aus der natürlichen Ordnung heraus genommen haben."
(Michel de Montaigne, Von Kannibalen, 1580)

Vergleich
Ich streifte auf der Erde umher, bald ihre Höhen, bald die Temperatur ihrer Quellen und die der Luft messend, bald Tiere beobachtend, bald Gewächse untersuchend; ich eilte von dem Äquator nach dem Pole, von der einen Welt nach der andern; Erfahrungen mit Erfahrungen vergleichend. Die Eier der afrikanischen Strauße oder der nördlichen Seevögel und Früchte, besonders der Tropen-Palmen und Bananen, waren meine gewöhnlichste Nahrung.
(Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1814)

Ehrung
Hoch geehrt fand ich mich auch in der ersten Hälfte des Jahrs durch ein von Herrn Alexander von Humboldt in bildlicher Darstellung mir auf so bedeutende Weise gewidmetes gehaltvolles Werk: Ideen zu einer Geographie der Pflanzen, nebst einem Naturgemälde der Tropenländer.
(Johann Wolfgang von Goethe: Tag- und Jahreshefte, 1817-1830)

Rausch
Lange verloren in ein der Musik verwandtes Empfinden, hatte ich im Kahn gesessen und hatte beinahe vergessen, dass die gleichmäßigen Ruderschläge von einem menschlichen Geschöpf herrührten, als mein Fährmann plötzlich das Schweigen brach und anfing, mir zu erzählen, wie er als junger Knabe schon zur See gewesen sei, weite Weltfahrten mitgemacht und viele Nächte unter den Tropen auf dem Meer verbracht habe. Er schilderte mit glühenden Farben die Pracht des südlichen Sternenhimmels, der duftberauschten Luft, die ganzen wollüstig seligen Wunder jener phantastischen Zone.
(Malwida Freiin Meysenbug: Memoiren einer Idealistin, 1830)
Freiheit
Heinrich Laube, Lithographie von Joseph Kriehuber 1848
Heinrich Laube,
Lithographie von Joseph Kriehuber 1848 - © gemeinfrei
Was tut's, ob ein verloren Mädchen unter den Weißen oder unter den Rothäuten oder in der Einsamkeit zugrunde geht – Klöster gibt's nicht mehr, aber der Urwald ist noch nicht besiegt, dort ist noch Raum zum Sterben.
(Heinrich Laube: Das junge Europa, 1837)

Belebung
Was ich eigentlich wünschte, war: unter dem Tropenhimmel seiner Liebe meine Erstarrung zu verlieren.
(Ida Gräfin von Hahn-Hahn: Sibylle, 1846)

Blumengarten
Was mag denn wohl der alte Urwald träumen?
Er ist ja selbst ein üpp'ger Traum der Zeiten,
Wenn, grüßend nach des Meeres Silberschäumen,
Hoch auf ihm hin sich Blumengärten breiten.
(Gottfried Keller: Gedichte, 1846)

Kostbarkeiten
Allerlei indianische Kostbarkeiten, wie Waffenschmuck und Kleidungsstücke, verboten jedoch auch hier jedes weitere Forschen. Breitfaltige Tropengewächse streckten dabei ihre saftigen Kronen bis zur Decke hinan und überschatteten die Fenster, während das blasse Licht einer unter der reich verzierten Decke angebrachten Ampel seinen dämmernden Schein über den kleinen Raum warf. (Friedrich Gerstäcker: Die Flußpiraten des Mississippi, 1848)
Kopf- und Nackenschmuck aus Brasilien
Kopf- und Nackenschmuck aus Brasilien, 20. Jahrhundert, Arafedern und Rohr - © by SMB, Ethnologisches Museum.
Foto: Martin Franken
Nacht
Geblüht hat einst der Pol im Tropenlichte,
Die Wüste trug den Schoß voll Sommerblüten,
Die Steppe sang, die Heidequellen sprühten,
Wo jetzt das Meer, stand einst die Bernsteinfichte.
So muss es sein, wenn in den Tropenzonen
Durch Urwaldnacht ein plötzlich Feuer leckt.
(Hermann von Lingg: Ausgewählte Gedichte, 1853)
Goiania Golf Club
Goiania Golf Club - © by Caio Reisewitz
Schätze
Gustav Freytag, porträtiert von Karl Stauffer-Bern
Gustav Freytag, porträtiert von Karl Stauffer-Bern - © gemeinfrei
Diese Bastmatten hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiste war von einem fleißigen Chinesen mit rot und schwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das Rohrgeflecht hatte ein Neger aus Kongo im Dienst des virginischen Pflanzers über den Ballen geschnürt; dieser Stamm Färbeholz war an dem Sande herabgerollt, den die Wellen des mexikanischen Meerbusens angeworfen haben, jener viereckige Block von Zebra- oder Jakarandaholz hatte in dem sumpfigen Urwald Brasiliens gestanden, und Affen und bunte Papageien waren über seine Blätter gehüpft. In Säcken und Tonnen lag die grünliche Frucht des Kaffeebaumes fast aus allen Teilen der Erde, in rohen Bastkörben breiteten sich die gerollten Blätter der Tabakspflanze, das bräunliche Mark der Palme und die gelblichen Kristalle aus dem süßen Rohr der Plantagen. Hundert verschiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre Rinde, ihre Knospen, ihre Früchte, das Mark und den Saft ihrer Stämme an dieser Stelle vereinigt. Auch abenteuerliche Gestalten ragten wie Ungetüme aus dem Chaos hervor, dort hinter dem offnen Fass, gefüllt mit oranger Masse – es ist Palmöl von der Ostküste Afrikas – ruht ein unförmiges Tier – es ist Talg aus Polen, der in die Haut einer ganzen Kuh eingelassen ist –, daneben liegen, zusammengedrückt in riesigem Ballen, gepresst mit Stricken und eisernen Bändern, fünfhundert Stockfische, und in der Ecke gegenüber erhebt sich ein Haufen Elefantenzähne.
(Gustav Freytag: Soll und Haben, 1855)
Gefahr
Wahl in Kinshasa
Wahl in Kinshasa - © by Guy Tillim
Wir befanden uns hier auf einem ziemlich hohen und freien Felsplateau, an dessen Fuß wir große sumpfige und morastige Dschungel sich ausdehnen und in dem giftigen Brodeln, das aus dem Boden emporstieg, verschwinden sahen. Der junge Hindu erklärte uns, daß unsere Pferde hier bleiben müssten.
(Hermann Goedsche: Sebastopol, 1857)

Wunder
Damals lagen mir selbstverständlich Geographie und Botanik weltenfern – ich verstand nicht, daß die fremdartigen Gebilde dort ein zwischen Glas eingefangenes Stück Tropenwelt inmitten deutscher Vegetation seien, und hatte für beide nur die Bezeichnung: Wunder und Wirklichkeit ...
(Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen.1871)
Austellungsstücke
Theodor Fontane
Theodor Fontane, Photo: J. C. Schaarwächter - © gemeinfrei
Wenige Schritte noch, und sie befanden sich wie am Eingang eines Tropenwaldes, und der mächtige Glasbau wölbte sich über ihnen. Hier standen die Prachtexemplare der van der Straatenschen Sammlung: Palmen, Drakäen, Riesenfarren, und eine Wendeltreppe schlängelte sich hinauf, erst bis in die Kuppel und dann um diese selbst herum und in einer der hohen Emporen des Langschiffes weiter.
(Theodor Fontane: L'Adultera, 1880)
Terra incognita
Ja, ich schwärme heute noch für Bramaputra und Irawaddie – von der Ethnographie, von der Flora und Zoologie jener Tropenländer habe ich freilich auf der Schule nie das Geringste erfahren.
(Karl Bleibtreu: Größenwahn, 1888)
Reqiem von Julian Rosefeldt
Reqiem von Julian Rosefeldt -
© by Julian Rosefeldt, Courtesy of Arndt und Partner
Wunschtraum
In winddurchkoster, schwüler Tropennacht,
Wo still und träumerisch und sinnlich-mild
Das Leben weiterfließt, wo keine Schranken
Des Herzens träumerisch-bizarre Wünsche Stumpfsinnig-kühl verneinen und zerstören.
Wo bist du, meine ferne Südseeinsel?
(Felix Dörmann: Sensationen, 1892)
Architekturteil mit Darstellung von Singa
Architekturteil mit Darstellung von Singa - © by SMB, Ethnologisches Museum.Foto: Martin Franken
Herz der Welt
Arno Holz
Arno Holz - © gemeinfrei
Wer träumt so straflos unter Palmen,
Wie wir, mein Liebling, ich und du?
Der Urwald rauscht mir seine Psalmen,
Das Weltmeer seine Hymnen zu.
Ich höre nachts, wenn fern im Fernen
Ein Schakal in das Mondlicht bellt,
Und spiele Fangball mit den Sternen,
Denn mein Herz ist das Herz der Welt!
(Arno Holz: Buch der Zeit,1886)
Abenteuer
Er trat diesen Obertertianern gegenüber wie ein Mann, der von einer Reise in unbekannte Länder nach Hause zu Leuten kommt, die noch nicht den Äquator überschritten haben:
- Ist es sehr heiß in den Tropen?
- Es macht sich.
- Sind die Schlangen wirklich so lang und dick und giftig?
- Ach ja.
- Sie sind doch nicht gebissen worden?
- Ein bisschen.
- Wie? Und wieder kuriert?
- So ziemlich. Schade, dass er nur mit Girlinger darüber reden konnte. Dem setzte er aber dafür auch tüchtig zu, und es machte ihm unverhohlenen Spaß, daß dieser so wissbegierig war. Er flunkerte auch ein bisschen und gab mehr tropische Abenteuer zum besten, als er erlebt hatte.
(Otto Julius Bierbaum: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive, 1897)
Strandhaus in Santa Laura
Strandhaus in Santa Laura - © by Edward Burtynsky
Koller
Karl May fotografiert von Erwin Raupp
Karl May fotografiert von Erwin Raupp - © gemeinfrei
Wenn es Europäer gibt, welche in südlichen Ländern in dieser ausgiebigen Weise für das Wohlbefinden ihres Körpers sorgen, so ist es gar kein Wunder, wenn die durch diese Völlerei erzeugten überschüssigen Säfte sich auf dem auch schon nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Tropenkollers Luft zu machen suchen! Ich habe stets genau in derselben Weise wie die Eingeborenen gelebt und bin nie der Ansicht gewesen, dass ich mich durch den Genuss von Extraspeisen und Delikatessen vor ihnen auszeichnen müsse. Was sie hatten und aßen, das hatte und aß auch ich, und da ich diesen Grundsatz auch in jeder andern Beziehung verfolgte, so bin ich mit ihnen stets, auch ohne Tropenkoller, sehr gut ausgekommen.
(Karl May: Am Jenseits, 1899)

Schauspiel
Einmal benahm er sich auch, als wenn er sich als ein richtiger Affe fühlte, langgliedrig und behende zugleich, so dass er seinen Schulgenossen dann ein ewiges Schauspiel eines gab, der zum Klettern geboren wäre, allenthalben in hockender Stellung auf Fensterbrettern, Kathedern oder gar Ofen saß und ihnen derart allerlei lockende Dinge von Urwäldern und Wanderungen an Schlingpflanzen und in den höchsten Wipfelräumen nachahmte. Dazu immer erzählend: „Etwas Tüchtiges! Nur etwas Tüchtiges!“ sagte er dann. „Und wenn es ein Affe im Urwald ist, nur etwas Tüchtiges, das macht den Mann!“ (Carl Hauptmann: Einhart der Lächler, 1907)
Samba von Beatriz Milhazes, Acryl auf Leinwand
Samba von Beatriz Milhazes, Acryl auf Leinwand - © by Beatriz Milhazes. Foto: Fausto Fleury, Rio de Janeiro
Überfülle
Es liebt die Erde wohl die Frau am allermeisten
Und will an ihr das höchste Maß an Schönheit leisten,
Der Tropen Überfülle wuchtet in den Haaren,
Die wir als Kranz um jedes schöne Weib gewahren.
(Theodor Däubler: Das Nordlicht, 1910)
Hitze
Georg Heym
Georg Heym - © gemeinfrei
Es war wieder still.Die Hitze der Tropen brodelte überall in der Luft. Die Luft schien zu kochen. Und der Schweiß rann ihm in dicken Furchen über das graue Gesicht. Sein Kopf, auf dessen Scheitel die Sonne stand, kam ihm vor wie ein riesiger roter Turm, voll von Feuer.
(Georg Heym: Der Dieb, 1911)

Schicksal
Denn wehe, wer dir Kork und Spielball ward!
Sirene saugt und speit ihn an die Klippe,
Sein Sturmgeist liegt in faulem Tang verscharrt,
Und Tropengluten bleichen sein Gerippe.
(Karl Henckell: Buch des Lebens, 1921)

Farben
„Zur Linken behauptete sich plötzlich ein bisher unbemerkt gebliebener Flor gleichsam als eine Laune geheimnisvoller und vermischter Grüntöne; diese gingen zunächst in grelles, dann gedämpftes, dann violettes und schließlich schwärzliches Rot über, und schließlich sah man nur noch die unregelmäßige Spur eines Kohlestiftes, wie über körniges Papier gezogen.“
(Claude Levi-Strauss, Die Traurigen Tropen, 1955)

Erotik
„Furor latino“ heißt das Video, in dem die Künstlerin Pilar Albarrcin die Schweißperlen auf der Haut der Tänzerinnen im Nachtclub „Tropicana“ von Havanna zeigt, die einen Vorgeschmack auf das geben, was die Welt im Zeichen der Klimaveränderung zu erwarten hat: unaufhaltsam vorrückende Tropen mit verzehrendem Schmachten, überbordender Sinnlichkeit und fiebrigem Sex, süßes Versprechen voll entwaffnender Weiblichkeit und Verruchtheit.

Die Faszination der Erotik, die in den geheimnisvollen Tropen lockt, ist besonders in der Literatur erkennbar. Robert Müller, ein Schriftsteller aus Wien, der sich im Sommer 1924 erschoss, lieferte 1915, ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs, einen Skandal-Roman über eine ungeheuerliche Liebe im südamerikanischen Urwald ab. Fast unverhohlen schildert Müller in seinem Buch die unkontrollierten Triebe, den hemmungslosen Sex eines wohlsituierten europäischen Mannes, ausgelöst durch das unbekannte Chaos im Dschungel und durch das mysteriöse Verhalten der Frauen im Regenwald. Der Titel des Müller-Romans, „Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs“, ist im Gegensatz zum Inhalt sehr sachlich gehalten. Schonungslos offen schildert der Autor seine Ansichten über Erotik beim Eintauchen in das Paradies, das für ihn zur Hölle wird. Die Begegung seines Roman-Helden mit einer begehrten Dschungel-Frau schildert er so:
Gemälde von Dmitrii Kouznetsov im Pool der Familie Sandoval
Gemälde von Dmitrii Kouznetsov im Pool
der Familie Sandoval, Mexico - © gemeinfrei
„Sie stand ganz nahe bei mir. Ihr Ellbogen berührte mich an der Hüfte. Ich roch ihre ölige, bronzene Haut, die mit einem fremden, flach schmeckenden Parfum getränkt war, einer Blumensalbe, die ganz zutiefst einen vermischten angenehmen Reiz aufwies, in ihrer stumpfen Penetranz aber abstieß. Es vermengte sich mit dem leimigen Duft ihrer leicht echauffierten Achselhöhlen. Dies war die Ausdünstung eines wilden Tieres oder einer geilen, feuchten Djunglepflanze, kräftig und unfeststellbar wie der Geruch von Protoplasma. Meine Organe weigerten sich gegen ihn. Es ist immer eine schmutzige Sache, wenn einer Bücher schreibt, zumal aber solche über die Tropen. Denn die Tropen sind die Kinderschuhe der Menschheit. Wer sie ausgetreten hat, wäre reif und dichtete sie nicht. Die Tropen sind die Pubertät eines jungen Europäers. Aber das ist nun der Fluch, den wir aus unserer Herkunft mitgebracht haben: Wir reifen eine Zeit und dann ist es aus, die Reife tritt zugleich mit dem Untergange ein.“
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