"Es riecht nicht angenehm in dieser Welt, aber es ist die Welt, in der wir leben, und gewisse Schriftsteller, die über genügend Distanz und kühlen Kopf verfügen, können sehr interessante und sogar amüsante Geschichten daraus machen."
Raymond Chandler

Lupe Abhandlungen über den Kriminalroman gibt es viele, und fast alle beginnen mit der Frage, was denn ein Krimi nun eigentlich sei. Fragt man einen von literaturwissenschaftlichen Haarspaltereien unbelasteten Leser, so wird er wahrscheinlich einfach nur sagen: „Ein Krimi ist spannend.“ Bohrt man weiter und möchte wissen: „Und wie findest du deine Krimis in der Buchhandlung, woran erkennst du sie?“, so wird er verständnislos dreinschauen und sagen: „Die stehen doch in der Krimi-Ecke.“

Fernab von allen Streitereien, ob in einem Krimi immer ein Mord, ein Täterrätsel und ein Detektiv vorkommen müssen, sind damit schon zwei ganz wesentliche Punkte angesprochen:

Krimis gehören ebenso wie Science Fiction- oder Fantasy-Romane zur Spannungs- und damit zur Genreliteratur.

Es gibt so etwas wie ein Gattungsbewusstsein, das Autoren sagen lässt „Ich schreibe Kriminalromane“ und Verlage dazu veranlasst das Wort „Kriminalroman“ auf den Buchdeckel zu drucken.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Fjodor Michailowitsch
Dostojewski, © gemeinfrei

Letzteres klingt banal, ist aber tatsächlich ein überaus hilfreiches Kriterium in strittigen Fällen, wie beispielsweise der Einordnung von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ oder Ecos „Der Name der Rose“, zweier Werke, die bei solchen Definitionsfragen immer gerne ins Spiel gebracht werden.

Grundsätzlich erfüllt Dostojewskis Klassiker die wichtigsten Anforderungen, die an einen Krimi gestellt werden: Ein Verbrechen und seine Aufklärung stehen im Mittelpunkt der Handlung. Hätte man aber Dostojewski gefragt, ob sein Werk ein Kriminalroman sei, so hätte er dies sicher von sich gewiesen.

Ganz anders liegt der Fall bei Umberto Ecos historischem Mittelalterroman „Der Name der Rose“. Hier greift der Autor ganz bewusst Traditionen des Kriminalromans auf und spielt genüsslich mit seinen Regeln.

Natürlich wird es immer wieder Autoren und Verlage geben, die Bücher in bester Krimi-Manier schreiben und publizieren und sich dennoch ausdrücklich gegen das Etikett „Krimi“ wehren, weil sie Angst haben, in eine Schublade gesteckt zu werden. Die Wertschätzung, die Kriminalromane mittlerweile auch in Deutschland nicht mehr nur unter der Leserschaft, sondern auch unter Kritikern und Literaturwissenschaftlern erfährt, trägt jedoch dazu bei, dass diese Ängste mehr und mehr schwinden.

Das Selbstverständnis, das Autoren bei ihrer Arbeit an den Tag legen und das sich natürlich auch in ihren jeweiligen Werken äußert, wird damit zu einer immer verlässlicheren Richtschnur.

Kain und Abel

Kain und Abel, dargestellt
auf einem Gemälde
von Tizian, © gemeinfrei

Verbrechen gab es schon immer. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“, heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Doch schon kurz nachdem Gott auch den Menschen das Wort erteilte, ergab sich aus der Untat Kains die Notwendigkeit das Wort „Mord“ zu prägen.

Verbrechen sind in der Literatur allgegenwärtig, in der Bibel wimmelt es geradezu davon. Selbst ein so friedliches Genre wie der Liebesroman kommt nicht ohne Betrügereien aus. Spannung ist die Essenz jedweden Erzählens, und Spannung entsteht aus Konflikten und Regelverstößen.

Welche erzählerischen Regeln und Konventionen sind es aber, die Kriminalromane von anderen Geschichten über Verbrechen unterscheiden? Und wann und wo manifestiert sich zum ersten Mal so etwas wie ein Gattungsbewusstsein, aus dem dann eine Tradition erwachsen konnte?

Alle anderen Bilder: © Panthermedia
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